Souveräne Technologie. KRITIS, NIS-2, FDI.
Souveränität ist 2026 keine politische Phrase mehr, sondern eine ökonomische Kategorie mit konkreten regulatorischen Konsequenzen. Wer in DACH in kritische Infrastruktur, Deep Tech oder Verteidigung investiert, bewegt sich in einem Feld, das sich vom klassischen Mid-Cap-PE strukturell unterscheidet.
Der regulatorische Rahmen verändert die Anlageklasse
Drei Rechtsakte definieren das Feld neu. Die NIS-2-Richtlinie der EU, in Deutschland durch das NIS2UmsuCG umgesetzt, erweitert den Kreis der wesentlichen und wichtigen Einrichtungen substanziell. Energieversorger ab einer bestimmten Größenordnung, digitale Dienste, Abwasser, Lebensmittellogistik. Jede dieser Einrichtungen unterliegt ab 2024 erweiterten Melde-, Risikomanagement- und Geschäftsleitungs-Haftungspflichten. Für den Erwerber bedeutet das. NIS-2 ist nicht ein Compliance-Thema des Targets. NIS-2 ist eine Bedingung der Akquisitionsfähigkeit und ein Bestandteil der Investment-Thesis.
Der EU AI Act, vollständig anwendbar ab August 2026, definiert für Hochrisiko-KI-Systeme Anforderungen an Datenqualität, Dokumentation, menschliche Aufsicht und Robustheit. Wer in einem KI-Unternehmen investiert, dessen Output unter Anhang III des AI Act fällt, übernimmt eine regulatorische Last, die in klassischen Software-Bewertungen nicht abgebildet ist. Parallel dazu hat der CRA, der Cyber Resilience Act, ab 2027 Konsequenzen für jedes Hardware- und Software-Produkt, das mit dem Internet kommuniziert.
Die dritte Klammer ist das FDI-Screening. Das deutsche AußWG, das österreichische Investitionskontrollgesetz und das schweizerische Investitionsprüfgesetz verlangen bei Erwerben in kritischen Sektoren oberhalb bestimmter Stimmrechtsschwellen eine ex-ante-Genehmigung. Der Schwellenwert in Deutschland liegt bei zehn Prozent für besonders sensible Bereiche und bei zwanzig Prozent für die übrigen kritischen Sektoren. Eine Transaktion, die die Freigabe nicht erhält, ist schwebend unwirksam. Das verändert die Auktionsdynamik und die Strukturierung jeder Transaktion mit ausländischer Investorenbeteiligung.
Warum Souveränität eine Renditequelle wird
Die simplifizierte These der vergangenen zwanzig Jahre lautete, dass globale Lieferketten und marktintegrierte Spezialisierung die Kosten minimieren. Diese These ist seit der Pandemie, dem russischen Angriff auf die Ukraine und den US-amerikanischen Zollrunden 2024 bis 2026 nicht mehr operational. Die EU hat darauf mit dem Critical Raw Materials Act, dem Net Zero Industry Act, dem Chips Act und einer Vielzahl mitgliedstaatlicher Förderlinien reagiert. Die deutsche Bundesregierung hat in ihrem Sondervermögen Bundeswehr und im Sondervermögen Infrastruktur Mittel mobilisiert, deren Verausgabung über die kommenden Jahre ein eigenes Investmentumfeld schafft.
Aus dieser Konstellation entsteht ein doppelter Effekt. Erstens verschiebt sich die Margenstruktur in souveränitätsrelevanten Industrien nach oben, weil die Substituierbarkeit politisch begrenzt wurde. Zweitens entsteht ein Bewertungsaufschlag für Unternehmen, deren Lieferkette, Eigentümerstruktur und Standortpolitik EU-souveränitätsfähig sind. Wer als Erwerber diese Eigenschaften verlässlich nachweisen kann, gewinnt eine Verhandlungsposition, die unabhängig vom angebotenen Multiple wirkt.
Die Konsequenz für unsere Mandate
Tactical Management ist nicht der erste Investor, der den Begriff Souveränität verwendet. Wir sind aber einer der wenigen Mid-Cap-Investoren in DACH, deren Strukturierungsteam unter Dr. Tillmann Lauk die NIS-2-, FDI- und AI-Act-Dimensionen routinemäßig in die Akquisitionsarchitektur einbaut, und deren operatives Team unter Marcus Köhnlein die Compliance-Implementierung im Portfolio-Unternehmen begleitet, statt sie an Externe auszulagern. Dieser interne Aufwand ist der eigentliche Wettbewerbsfaktor.
Wir investieren bewusst nicht in jedes souveränitätsrelevante Geschäftsmodell. Reine Förderwetten, deren Unit Economics ohne Subvention nicht trägt, gehören nicht in ein Permanent-Capital-Mandat. Investiert wird dort, wo die regulatorische Dimension den Wettbewerb verengt, der operative Cashflow aber unabhängig von der Förderkulisse trägt.
Die These. Souveränitätsrelevante Anlageklassen sind 2026 nicht ein Subsegment, sondern die Hauptachse mittelständischer Wertschöpfung in DACH, und die Erwerbsfähigkeit hängt zunehmend an der Strukturierungskompetenz unter NIS-2, AI Act und FDI-Regimen.
Beiträge in diesem Cluster
Deep Tech und Souveränität
Wo europäische Deep-Tech-Unternehmen strukturell unterbewertet sind und warum Souveränitätsrelevanz die Substituierbarkeit der Margenbasis schützt.
Digitale Souveränität · Cloud
Cloud Act, Schrems II und die Frage, welche Cloud-Architektur für ein DACH-Mittelständler in regulierten Branchen tatsächlich tragfähig ist.
Energienetz, Regulierung und WACC
Wie die Anreizregulierungsverordnung und die Festlegungen der BNetzA den Eigenkapitalzins für Verteilnetze definieren und was das für PE-Investoren bedeutet.
Investments in die Verteidigungsindustrie
Das Sondervermögen Bundeswehr verändert die Auftragsbasis. Worauf Investoren in deutschen Mittelstandszulieferern jenseits der Beschaffungslyrik achten sollten.
Kritische Rohstoffe · Investitionen
Critical Raw Materials Act, strategische Lagerhaltung und die Bewertung von Verarbeitungskapazität in Europa. Eine nüchterne Einordnung jenseits der Schlagzeilen.
NIS-2-Compliance für Investoren
NIS-2 ist nicht ein IT-Thema. Es ist ein Geschäftsleitungs-Haftungsthema und ein Bestandteil jeder Erwerbsdiligenz in den betroffenen Sektoren.
Private Equity in kritischer Infrastruktur
Wo Permanent Capital strukturell besser passt als geschlossene Fonds. Über regulierte Erträge, Konzessionsverträge und politische Risiken.
FDI-Screening bei M&A-Transaktionen
AußWG, AußWV und die Praxis. Wie sich Transaktionen ex ante so strukturieren lassen, dass FDI-Risiken nicht zum Deal-Breaker werden.
Verwandte Pillar-Seiten
Pillar-Seite kuratiert von Dr. Raphael Nagel, Gründungspartner. Tactical Management operiert aus München, Wien und Baar (Zug).
