Tactical Management
Sondersituationen9 Min. LesezeitJuli 2026

Mezzanine und Convertible in Distressed-Strukturen. Wo die Kapitalschicht zur Verhandlungsschicht wird.

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Mezzanine, Subordinated Debt und Convertible Notes sind in einer Distressed-Struktur keine gewöhnlichen Kapitalschichten. Sie sind Verhandlungsschichten. Jede dieser Positionen hat eigene Trigger, eigene Fristenlogiken, eigene Konversionsrechte. Wer sie im Erwerb falsch liest, kauft Risiko ohne Hebel. Wer sie richtig liest, kauft Hebel mit kalkuliertem Risiko.

Die Kapitalstruktur als Konfliktlandschaft

Ein Unternehmen in der Sondersituation hat selten eine einfache Bilanz. Die typische Konfiguration zeigt gestapelte Verbindlichkeiten: gesicherter Senior-Kredit an erster Stelle, dahinter ein oder zwei Mezzanine-Tranchen, darunter Convertible Notes mit variierenden Maturity-Profilen, ganz unten das Eigenkapital mit seinen Liquidation Preferences. Jede dieser Schichten hat eigene Interessen. Jede definiert das Verhandlungsfeld anders.

Was von außen wie eine Bilanzanalyse aussieht, ist in Wirklichkeit eine Stakeholder-Topologie. Wer die Tranchenstruktur liest, liest gleichzeitig, wer in einer Restrukturierung was verliert, wer was gewinnen kann, und wer welche Hebel hat. Wer diese Topologie nicht versteht, sitzt in der falschen Verhandlung.

Bei Distressed M&A-Transaktionen entscheidet die Kapitalstruktur über den Transaktionspfad. Sie bestimmt, ob eine vorinsolvenzliche Lösung trägt oder ob der formelle Insolvenzweg unausweichlich wird. Sie bestimmt, welche Zustimmungen eingeholt werden müssen. Sie bestimmt, wie lange das Zeitfenster tatsächlich offen ist.

Mezzanine in Distressed-Strukturen. Was diese Tranche wirklich hält

Mezzanine-Kapital ist in Wachstumsszenarien ein Instrument der Finanzierungsoptimierung. In Distressed-Strukturen ist es etwas anderes: ein Risikopuffer, der unter Druck zu einem Verhandlungsgewicht wird. Der Mezzanine-Geber sitzt hinter dem Senior-Kreditgeber, aber vor dem Eigenkapital. Er ist der erste, der bei einer Verwertung leer ausgeht. Er ist auch der erste, der einen Deal akzeptiert, wenn der Deal besser ist als die Alternative.

Diese Position hat Konsequenzen für die Transaktionsstruktur. Ein Erwerber, der eine Distressed-Situation mit Mezzanine-Tranche adressiert, muss die Mezzanine-Position nicht unbedingt bedienen. Er kann sie in eine Vendor-Loan-Struktur überführen, in ein Earn-Out einbinden, oder im Rahmen eines StaRUG-Verfahrens auf einen Bruchteil ihres Nennwerts reduzieren, wenn die Mehrheit der betroffenen Gläubigerklassen zustimmt.

Die entscheidende Frage ist die Financial-Covenant-Lage. Viele Mezzanine-Tranchen haben Leverage-Ratio-Convenants und Interest-Coverage-Schwellen, die in der Krise längst gerissen sind. Das bedeutet: Der Mezzanine-Geber ist technisch im Recht, zu vollstrecken, hat das aber oft nicht getan. Warum nicht? Weil die Realisierung des Sicherungsguts unter Zeitdruck fast immer schlechter ist als ein strukturierter Erwerb. Diese Asymmetrie ist der Hebel des Erwerbers.

Convenant-Breaches als Eröffnungskarte

Wer in die Transaktion einsteigt, nachdem mehrere Convenants gebrochen wurden, findet eine Verhandlungssituation vor, in der der Status quo für alle Beteiligten schlechter ist als jede strukturierte Lösung. Der Mezzanine-Geber will aus seiner Position heraus, ohne Gesichtsverlust und ohne vollständigen Ausfall. Der Erwerber will die operative Substanz ohne die Verbindlichkeitslast. Diese Interessenkonvergenz ist die Grundlage jeder tragfähigen Transaktionsstruktur in diesem Segment.

Convertible Notes. Trigger, Maturity, Conversion Caps

Convertible Notes in Distressed-Situationen sind eine eigene Disziplin. Sie wurden ursprünglich als Brückeninstrument strukturiert, oft in einer Phase, in der das Eigenkapital keinen Wert mehr hatte und die Gesellschafter dennoch eine formelle Insolvenz vermeiden wollten. Ihre Maturity-Profile sind deshalb oft kurz: zwölf bis achtzehn Monate Ursprungslaufzeit, ein oder zwei Mal verlängert, mit steigenden Zinssätzen und sinkender Konversionsschwelle.

Der Maturity Default ist das kritischste Ereignis in dieser Konstellation. Wenn eine Convertible Note ausläuft und weder zurückgezahlt noch konvertiert wird, treten automatisch Trigger-Klauseln in Kraft: Zinsverzug, Cross-Default gegenüber anderen Gläubigern, oft auch Change-of-Control-Rechte. Diese Kette von Ereignissen verändert die Verhandlungsposition aller Beteiligten innerhalb weniger Tage. Das Zeitfenster für einen strukturierten Erwerb schließt sich oft genau dann, wenn diese Kette beginnt.

Conversion Caps begrenzen den Umtauschkurs nach oben. In Distressed-Situationen bedeutet das: Der Conversion Cap liegt möglicherweise weit über dem aktuellen fairen Marktwert des Eigenkapitals. Der Note-Holder hat faktisch keine wirtschaftlich sinnvolle Konversionsoption mehr. Er sitzt mit einer Forderung, die theoretisch in Eigenkapital umwandelbar ist, in der Praxis aber einem ungesicherten Darlehen an ein insolvenznähes Unternehmen ähnelt. Diese Position macht ihn verhandlungsbereit, wenn die Laufzeit sich dem Ende nähert.

Zum richtigen Einstiegszeitpunkt in Distressed-Situationen gehört deshalb das präzise Monitoring der Note-Maturity-Profile. Wer einsteigt, wenn drei bis vier Monate bis zum nächsten Maturity Default verbleiben, trifft auf Note-Holder, die rechnen. Wer nach dem Default eintritt, trifft auf eine Situation, in der der Verfahrensdruck alle Optionen verengt hat.

Subordinated Debt. Die unterschätzte Verhandlungsschicht

Subordinated Debt sitzt in der Kapitalstruktur zwischen dem gesicherten Senior-Kredit und den ungesicherten Gläubigern. Diese Position ist in einem Insolvenzverfahren nach Insolvenzordnung eine schwache. In einem vorinsolvenzlichen StaRUG-Verfahren ist sie dagegen anders zu bewerten: Das StaRUG erlaubt die klassenweise Abstimmung über Restrukturierungspläne. Subordinated Debt kann in eine eigene Klasse eingeordnet werden, deren Zustimmung durch gerichtliche Bestätigung ersetzt werden kann, wenn der Plan nicht offensichtlich schlechter ist als die Alternativsituation.

Für den Erwerber bedeutet das: Subordinated-Debt-Positionen in einem StaRUG-Verfahren sind verhandelbar, auch ohne Zustimmung der betroffenen Gläubiger. Die Verhandlung findet nicht im bilateralen Gespräch statt, sondern in der Klassen-Architektur des Plans. Wer diesen Mechanismus kennt, strukturiert die Transaktion so, dass die schwächeren Schichten nicht Blockierpositionen haben, sondern gebundene Klassen in einem bestätigten Plan sind.

Die Kehrseite: Ein schlecht strukturierter Plan, der Subordinated-Debt-Gläubiger faktisch ausradiert, ohne die formellen Voraussetzungen des StaRUG zu erfüllen, läuft in gerichtliche Bestätigungsprobleme. Dann verlängert sich das Verfahren, das Zeitfenster schrumpft, und die operative Substanz des Targets leidet. Methodische Planerstellung ist keine juristische Pflichtübung. Sie ist Transaktionssicherung.

Cap-Table-Topologie und die Rolle der Liquidation Preferences

In Venture-backed-Distressed-Situationen kommt zur Fremdkapitalschicht eine weitere Komplexitätsebene hinzu: gestapelte Vorzugsaktien mit Liquidation Preferences. Eine Gesellschaft mit drei Serien von Vorzugsaktien, jeweils mit 1x bis 2x Liquidation Preference, kann eine Eigenkapital-Wasserfallstruktur haben, die selbst bei einem fairen Erwerbspreis das Common-Stock-Eigenkapital auf null reduziert.

Für den Erwerber ist diese Struktur keine Überraschung, wenn er sie frühzeitig analysiert. Sie ist eine Verhandlungsressource. Die Preferred-Stock-Holder wissen, dass sie bei einem Asset-Deal-Szenario über die Insolvenzordnung möglicherweise weniger erhalten als bei einer verhandelten Sekundärtransaktion. Diese Erwartungsasymmetrie schafft Spielraum für strukturierte Lösungen, die Equity-Roll-Overs, Earn-Out-Tranchen oder reduzierte Cash-Komponenten kombinieren.

Wer Founder-Buyout-Strukturen kennt, weiß, dass ähnliche Mechaniken auch in Distressed-Situationen anwendbar sind, wenn einzelne Gründer noch operative Schlüsselrollen halten. Ein Equity-Roll-Over mit vierjährigem Vesting kann in dieser Konstellation sowohl die Schlüsselperson binden als auch die Kaufpreislast auf die Plattform verteilen.

Die Wahl der Transaktionsstruktur unter Schichtendruck

Asset Deal oder Share Deal ist in einer voll gestapelten Kapitalstruktur keine neutrale Frage. Im Share Deal übernimmt der Erwerber alle Verbindlichkeiten der Trägergesellschaft, einschließlich der Mezzanine-Tranchen, Convertible Notes und Subordinated Debt. In Distressed-Situationen ist das strukturell unvertretbar, wenn die Verbindlichkeitslast den Substanzwert übersteigt. Der Asset Deal trägt die operative Substanz heraus, lässt die Verbindlichkeiten in der Trägergesellschaft, und setzt den Erwerber an die Substanz, nicht an die Last.

Die Komplikation des Asset Deals in gestapelten Strukturen liegt bei den Change-of-Control-Klauseln und Zustimmungspflichten. Viele Kundenverträge, Lizenzverträge und Finanzierungsvereinbarungen erfordern bei einer Vermögensübertragung die Zustimmung der Gegenseite. Diese Zustimmungsarbeit kostet Zeit, die in der Distressed-Situation nicht immer verfügbar ist. Die Lösung liegt in der Vorab-Strukturierung: Wer die zustimmungspflichtigen Verträge frühzeitig identifiziert und in parallelen Verhandlungen adressiert, hält die Closing-Sequenz. Wer es nicht tut, findet sich am Closing-Tag mit offenen Positionen.

Bei vorinsolvenzlichen Strukturen bietet die Hive-Down-Konfiguration eine Alternative: Die operative Substanz wird vorab in eine NewCo ausgegliedert, die dann per Share Deal übertragen wird. Diese Struktur vermeidet die Einzelübertragung von Vermögensgegenständen, erfordert aber sorgfältige insolvenzrechtliche Begleitung, um Anfechtungsrisiken nach §§129 ff. InsO zu mitigieren. Eine Insolvency Opinion und ein unabhängiges Bewertungsgutachten zum Zeitpunkt der Ausgliederung sind keine optionalen Begleitdokumente. Sie sind Anfechtungsschutz.

Institutional Investors und die Schichtenfrage im Co-Investment

Institutionelle Co-Investoren, die neben dem Erwerber in eine Distressed-Struktur einsteigen, stellen eigene Anforderungen an die Kapitalschichtung. Ein Family Office, das als Junior-Equity-Investor mitgeht, will eine andere Wasserfallposition als ein Sovereign-Wealth-Fonds, der eine bevorzugte Tranche mit Mindestrendite-Schutz verlangt. Diese Anforderungen sind in der Vehikel-Architektur vorab zu strukturieren, nicht nach Closing zu improvisieren.

Das bedeutet konkret: Die Plattform-Holding muss von Anfang an Strukturen tragen, die AIFMD-konform und MiFID-II-fähig sind, wenn europäische institutionelle Investoren beteiligt sein sollen. Wer eine US-Investorenbasis integrieren will, muss Reg-D- und Reg-S-fähige Strukturen anlegen. Diese aufsichtsrechtliche Vorausschau ist keine Last, die nach Closing aufgearbeitet wird. Sie ist in die Transaktionsstruktur einzubauen. Nachträgliche Restrukturierung kostet das Doppelte und schränkt die Investorenzugänglichkeit ein.

Die Convenant-Kalibrierung der Senior-Tranchen muss in dieser Konfiguration so gesetzt sein, dass die Plattform in den ersten achtzehn bis vierundzwanzig Monaten operativ atmen kann. Zu enge Leverage-Ratio-Convenants in einer gerade stabilisierten Distressed-Akquisition erzwingen Waiver-Verhandlungen mit den Banken, die Managementkapazität binden und die Reporting-Aufmerksamkeit verzerren. Diese Konsequenz lässt sich in der Strukturierungsphase durch eine sachkundige Convenant-Kalibrierung vermeiden, die aus Banken-Praxis kommt, nicht aus M&A-Praxis.

Was nach dem Closing zählt

Eine Distressed-Transaktion mit gestapelter Kapitalstruktur ist nicht abgeschlossen, wenn die Verhandlungen geführt und die Dokumente unterzeichnet sind. Sie ist abgeschlossen, wenn die übernommene Substanz operativ stabil ist, die Schlüsselpersonen gebunden sind, die Kunden gehalten werden. Die Kapitalschicht-Verhandlung ist Voraussetzung für operative Handlungsfähigkeit nach Closing, nicht Selbstzweck.

Die ersten neunzig Tage nach Closing sind der Beweis. Earn-Out-Meilensteine, die in der Strukturierung gesetzt wurden, werden nur erreicht, wenn die Integration funktioniert. Vendor-Loan-Geber, die ihren Ausfall durch nachrangige Beteiligung am Plattformwachstum kompensieren sollen, erhalten nur dann eine reale Chance, wenn die Plattform wächst. Diese Wachstumsabhängigkeit verbindet Strukturierungsdisziplin mit Integrationsdisziplin in einer einzigen Verantwortungskette. Zum Post-Merger-Integrationsprozess in den ersten 100 Tagen gehört deshalb das aktive Management dieser Erwartungen gegenüber allen Kapitalschicht-Inhabern.

Wer Permanent Capital als langfristige Plattformkonfiguration anstrebt, muss diese Verbindlichkeitsreste konsequent abbauen. Eine Plattform mit residualen Mezzanine-Positionen und offenen Convertible-Note-Resten ist nicht frei für institutionelle Skalierung. Die Kapitalschicht-Bereinigung ist Teil der Plattformkonstruktion, nicht ein Nachwort dazu.

Wer die Kapitalstruktur liest, liest die Verhandlung. Wer die Verhandlung führt, baut die Plattform.

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